Tafelmusik – tafeln mit oder ohne?

Geschrieben von Andrea Wissel-Romefort.

Musik beim Essen ist uns heute allgegenwärtig! Kaum ein Restaurant ohne Musik! Und früher?

Als Georg Philipp Telemann 1733 seine Musique de table veröffentlichte, gab es bereits 206 Subskribenten aus ganz Europa, die auf dieses Meisterwerk warteten und bereit gewesen waren, den Preis von sage und schreibe acht Reichstalern im Voraus zu bezahlen. Telemann war zu der Zeit bereits ein sehr bekannter Komponist, doch blieb es ein gewisses Wagnis, diese erhebliche Summe in Noten zu investieren, ohne dass man auch nur den geringsten Klangeindruck bekommen konnte.

Georg Philipp Telemann

Georg Philipp Telemann

Das Vertrauen, welches die Damen und Herren des Adels aber auch Kaufleute und Musikerkollegen (darunter auch Quantz und Händel) in ihn und sein Werk gesetzt hatten, wurde nicht enttäuscht! Bis heute faszinieren die wunderschönen Klänge und der Ideenreichtum der Melodien der unterschiedlichen Sätze der Trios und Quartette. Telemann komponierte abwechselnd in den verschiedenen Stilrichtungen die damals en vogue waren und schaffte es so, den italienischen, französischen und deutschen Klang in einem großen Werk zu vereinen.

Diese Musik war tatsächlich als Gebrauchsmusik gedacht, kaum vorstellbar für uns heute, die wir die Musik ja inzwischen möglichst störungsfrei im Konzertsaal hören wollen und uns jegliche Essgeräusche empört verbitten würden.

Nicht so damals. In Ermangelung eines CD players wurde live Musik gespielt, jedenfalls dort, wo man es sich leisten konnte und über die entsprechenden Musiker verfügte. Das war aber keine Erfindung des Barock. Durch frühe Schrift- und Bildzeugnisse wissen wir, dass schon die alten Ägypter, die antiken Römer und Griechen sich beim Essen Musik vorspielen ließen.

Natürlich war Telemann nicht der erste berühmte Tafelmusikkomponist. Schein verdanken wir die Banchetto musicale (1617) und Delalande die Symphonies pour les Soupers du Roy (1703, 1713, 1727,1746) Sammlungen von jeweils 185 und ca. 300 Stücken, die extra für die musikalische Begleitung der Abendessen Ludwigs des XIV. und später Ludwigs des XV. komponiert worden sind.

Diese Soupers muss man sich in etwa so vorstellen : um 22 Uhr begab sich Louis X IV zu Tisch. Sein Platz war an der Mitte der Tafel. Er saß mit dem Rücken zum Kamin und genau ihm gegenüber befand sich das Podest auf dem die Musiker waren. Mitglieder der königlichen Familie saßen auch an der Tafel des Königs, sein Leibarzt und Günstlinge des Königs standen hinter ihm, Höflinge und Neugierige drängten sich bis an die Tür, es war allemal besser, einen Stehplatz im Gewühl zu haben, als nicht dabei zu sein. Das Souper umfasste 4 Gänge: Suppe, Vorspeise, Braten und Süßspeisen. Das erste Stück erschallte beim Eintritt des Königs und dem Auftragen des ersten Ganges. Dann folgten die jeweiligen Tänze der Suiten oder Symphonien. Das Souper endete um 23 Uhr von einer Fanfare begleitet.

Wir wissen nicht, wie sich die Musiker dabei fühlten, wir können nur hoffen, dass sie nicht hungrig waren, damit ihr knurrender Magen nicht eine eigentümliche Dissonanz zu dieser wirklich schönen Musik hinzufügte. Ebenso bleibt zu hoffen, dass die Trompeter nicht sehen mussten, wie ihr Souverän in eine Zitrone biss, das hätte ihnen doch glatt den Ton verdorben.

Louis XIV schätzte seine Musiker immerhin. Das war nicht überall der Fall. Es gab auch Fälle, wo die Musiker hinter Blattgruppen versteckt wurden, damit man sie hörte, aber nicht sah. Das bedeutete für die Musiker, dass sie das Essen zwar rochen, aber nicht mit ansehen mussten, wie die Feiernden sich die Bäuche voll schlugen, das hätte nur Begehrlichkeiten geweckt.

Außerdem mussten sich die Musiker auf ihre Kunst konzentrieren, man sollte nicht vergessen, dass es sich besonders bei Telemann um hoch virtuose Kompositionen handelt, die zwar „nebenbei“ zu hören sind, deren Aufführung aber ganz bestimmt nicht nebenbei gelingt.

Musik zum Tafeln ist uns heute allgegenwärtig! Kaum ein Restaurant ohne Musik! Kaum eine Pizzeria kommt ohne italienische Schmachtfetzen wie o sole mio aus, kaum eine griechische Taverne, kaum ein türkisches, chinesisches, bayrisches, russisches Restaurant ohne landestypische Klänge. Folklore oder Pseudofolklore oder Folklorepop von mehr oder minder guter Qualität. Gehobenere Restaurants greifen gerne zum Klassikmix oder zur Jazzmischung. Für Bars gibt es lounge Musik oder die jeweils angesagte Musik ihrer Zielgruppe. Und es gibt auch immer noch den Mann am Klavier – und manchmal auch die Frau. Barpianist zu sein bedeutet harte Arbeit. Er oder sie beeinflusst durch die Auswahl der Stücke die Stimmung des Publikums auf subtile Art und Weise. Es ist fasst immer zu dunkel, als dass er oder sie nach Noten spielen können, also müssen sie über ein umfassendes Repertoire an Stücken verschiedener Stilrichtungen verfügen und obendrein noch in der Lage sein, den einen oder anderen Publikumswunsch zu erfüllen. Es gilt, ein Gleichgewicht zwischen Improvisation und Komposition zu herzustellen.

Im Konzertsaal wird dem Künstler die ungeteilte Aufmerksamkeit des Publikums zuteil, in der Bar oder im Teesalon muss er oder sie darauf verzichten können, ähnlich wie seinerzeit die Musiker die die Tafelfreuden der Könige bereicherten.

Für Sie zu Hause stellt sich die Frage je nach Gelegenheit. Krautrock zum Choucroute, irische Balladen zum Guinness und Schlager zu Schlagsahne? Oder einfach mal in Ruhe genießen? Im Zweifelsfalle tafeln mit Tafelmusik!