Das Auge isst mit!

Geschrieben von Andrea Wissel-Romefort.

Das Auge isst mit- eine kurze Geschichte der Ess- und Tischkultur

Wie zerlege ich ein Mammut? Darf ich mich ins Tischtuch schnäuzen? Lippenstiftspuren an der Serviette – unvermeidlich? Falls Sie sich das schon immer gefragt haben, finden Sie hier ein Antwort.

Haben Sie schon einmal Champagner aus einem dieser weißen Plastikbecher getrunken? Oder handgefertigte Pasta mit Trüffelsauce von einem Pappteller genossen? Diese Vorstellung erscheint Ihnen absurd?

Party Service bei Grand Vignoble Berlin

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Als der Mensch in grauer Vorzeit vor dem Problem stand, ein totes Tier zu zerteilen, um durch die lederne Haut an das lebenswichtige Fleisch zu kommen, begann wohl die Erfindung des Bestecks. Mit den Zähnen ließ sich ein Mammut nicht zerkleinern, ebenso wenig dürfte das Zer- und Herausreißen des Fleisches mit bloßen Fingern besonders effektiv gewesen sein. Einer unter ihnen hatte dann die Idee mit dem scharfkantigen Stein und das Ur-Messer war geboren. Von dem Tag an bis zur Herstellung eines mit unserem heutigen Messer vergleichbaren Gegenstandes hat es dann doch noch einige hunderttausend Jahre gedauert.

Der Löffel war auch relativ schnell erfunden, hat er doch in der hohlen Hand mit der man Wasser von der Quelle oder aus dem See trinken konnte, sein natürliches Vorbild. Es gab gleich eine Vielzahl löffeltauglicher Gegenstände in der Natur: Muscheln, Schneckenhäuser, Knochenschalen… Je nach Größe eigneten sich diese Gegenstände auch als Schüsseln und Schälchen, sehr nützlich, um Lebensmittel aufzubewahren oder auch um daraus zu essen, auf dass es nicht auf dem dreckigen Höhlenboden liegen musste.

Wir wissen nicht, ob die Höhlenhausfrau oder der Höhlenchefkoch Wert auf eine dekorative Gestaltung der rustikalen Tafel legten. Da aber Essen eine Lebensnotwendigkeit war und man nicht immer vom Jagdglück begünstigt war, wird wohl ein besonders fetter Braten von den Höhlenmitbewohnerinnen und Mitbewohnern durchaus mit besonderer Freude gegessen worden sein. Und was spricht dagegen, etwas Besonderes auch durch eine besondere Form der Darreichung zu würdigen?

Je zivilisierter der Mensch wurde, desto mehr haben sich auch seine Ess- und Tischkultur verfeinert. Natürlich gab es dekadente Exzesse: Gelage mit mehr als 300 Gängen, Orgien mit seltsam anmutenden Gerichten wie Pfauenhirn und Flamingozungen – wie viele muss man davon eigentlich essen, um satt zu werden? – Doch ging die Tendenz klar zu einem appetitlicheren Umgang mit den Speisen, sowohl in hygienischer Hinsicht, als auch aus Rücksicht auf die Mitspeisenden, denen man nicht den Appetit verderben wollte.

Seit dem 13. Jahrhundert gibt es geschriebene Tischregeln, die Unsitten wie das Schnäuzen in die Hand bevor man in die gemeinsame Schüssel langt oder das Schnäuzen ins Tischtuch verbieten. Der Erfolg scheint nicht sofort und umfassend gewesen zu sein, denn auch im 15. Jahrhundert wird es im Thesmophagia, der Standart-Hofzucht, wieder thematisiert.

Auch heute finden wir zahlreiche Bücher, die uns die Tischsitten beibringen sollen. Es ist den meisten unter Ihnen selbstverständlich klar, dass man sich die Hände nicht am Tischtuch abwischt und den Mund nicht am Ärmel, aber wissen Sie auch, wie die Serviette korrekt zu liegen hat, zu Beginn, während und nach dem Mahl? Wie Lippenstiftspuren an der Serviette vermieden werden können? (Ein Papiertaschentuch diskret in die Serviettenfalte gleiten lassen und sich damit den Mund so geschickt abtupfen, dass es niemand bemerkt).

Aber nicht nur das Wissen um das richtige Benehmen bei Tisch finden wir in diesen Büchern: der Umgang mit dem passenden Besteck zum jeweiligen Gericht, welches Glas zu welchem Getränk gehört, welches Geschirr zu verwenden ist, all das hat schon wissenschaftliche Ausmaße angenommen. Zu guter Letzt dann noch schnell ein Buch über Tischdekoration gelesen und schon ist man auf dem Weg, den Akt der Nahrungsaufnahme in eine kulturelle Errungenschaft zu transformieren.

Würdigen wir die köstlichen Momente der Ernährung, indem wir jedem Essen seinen gewissen Rahmen gewähren und nehmen wir uns die Zeit, es zu genießen.